Kinder sind die Wesen bei denen wir ganz wir selbst sein können. Deswegen hat Gott sie geschaffen, uns zuerst Kind werden lassen, um diese Leichtigkeit zu spüren, die das Leben ausmacht. Kinder denken über nichts nach, lachen, sind im Moment bis irgendwann das Denken die kindliche Sorglosigkeit einholt. Wenn wir uns dann in Gedankengeschwulsten verstricken alles überdenken, unsicher sind mit unserem Sein, mit unserem Aussehen, mit unserer Leistung, mit unseren Hobbys. Das Leben lehrt uns mit der Zeit immer entspannter zu werden, du lernst, dass du auf viele Dinge Einfluss hast, auf die meisten aber nicht. Also lehn dich zurück beobachte, höre Musik, lache, tanze, küsse, probiere dich aus. Am Ende wird das zu dir kommen, was für dich bestimmt ist. Irgendwann wirst du erkennen, dass alles einem bestimmten Kreislauf folgt, dein Leben in Zyklen passiert und du nie dieselbe Person bleiben wirst.
Ein Tag im Schwimmbad. Die spielenden, schreienden Kinder erinnern mich an all das. Die Babys, die noch so unschuldig in den Armen ihrer Eltern liegen, ein breites Lachen auf dem Gesicht. Ich beobachte all die Menschen, während mein Körper durchs Wasser gleitet. Beim Schwimmen kann ich nachdenken, weder denke ich an Morgen noch an irgendwelche To do’s, wie ich es früher immer getan habe. Da ist so eine laute angenehme Stille, die meine Wahrnehmungen und Gedanken umrahmt. Gedanken, die sich um gelesene Worte drehen, um Begegnungen, um Themen, die mich beschäftigen. Das Nachdenken über das Leben, darüber, was uns Menschen bewegt, was uns antreibt, was uns ausmacht, wie die Welt ein besserer Ort werden könnte, wie jeder einzelne sein Glück finden kann.
Ich sitze allein an einem schönen Ort, einen Tee oder Kaffee in der einen Hand, einen Stift in der anderen. Man lehne sich zurück und beobachte was passiert, nichts wollen, nichts erzwingen, einfach beobachten, das Beobachten auf sich wirken lassen, das Leben auf sich wirken lassen. Wenn jeder mal ein bisschen entspannter wäre und mehr in seiner Mitte, hätten wir einige Probleme weniger auf der Welt. Leider ist es den meisten Menschen nicht möglich, Kontrolle abzugeben, ein bisschen Vertrauen ins Leben zu haben. Auch mir fiel dies lange Zeit schwer. Orientierungslos, verwirrt lief ich durch mein Leben, im Versuch meine Berufung zu finden, meine Menschen zu finden, meinen Platz zu finden. Ich war sehr gut im Weglaufen, Reisen, Menschen kennenlernen, im Rennen, kein Tag wie der andere. Mit dem Kopf immer schon zwei Stunden voraus, manchmal auch Tage, Wochen. Ich lief und lief und lief und lief und lief, bekam keine Luft, alles gefangen in einem Wirbelsturm. Die Luft lief vor mir weg, immer im Kreis, und ich mittendrin, unfähig die in Massen vorhandenen Aerosole einzuatmen.
Irgendwann mischte sich das Leben ein, eine warme große Hand hob mich aus den enger werdenden Wirbeln, der sich, sobald ich ihn von oben sah, auflöste. Der Druckausgleich hatte stattgefunden. Ich selbst war wohl der Auslöser des inneren Tiefdruckgebiets. Nun strömt auch das Blut wieder in meinen rechten Vorhof, kann sich in meiner rechten Herzklappe sammeln, durch meine Venen zu meinen wartenden Lungenflügeln gepumpt werden, die sich freudig aufbäumen, durch meine Arterien wieder zu meinem linken Vorhof zurückfließen, zu meiner linken Herzkammer, bis das nun mit Sauerstoff angereichte Blut meine Organe, Glieder, Muskeln versorgt hat. Der Atem treibt meine Glieder an, sich wieder zu bewegen. Ich erwache aus einer zu langen Bewusstlosigkeit. Die warme große Hand, mein Lebensplan.
Auf Umwegen, aber bestimmt und bedacht, mit System, wie der Sauerstoff durch die Arterien und Venen strömt, fügten sich die Puzzleteile nach und nach zusammen.
Ich habe meinen Ort, eine Heimat, eine Berufung gefunden, einen großen Teil von dem, was mich ausmacht entdeckt und einen Teil meiner Menschen gefunden. Herausfordernd, neu, abwechslungsreich. Wie ich das Leben liebe. Ich bin hier und dort, schlafe, trainiere, lese, lerne, lache so unglaublich viel, wie selten zuvor, gehe gern zur Arbeit, freue mich, die Menschen zu sehen, tanze, singe, lache, verliebe mich, flirte, rede, höre zu, höre zu und höre zu, weil alle Menschen immer so viel zu erzählen haben.
Manchmal bin ich voll. Voll von Geschichten und Emotionen und sinnlosem Geschwafel. Voll von Stimmen. Voll von Sorgen und Probleme, an denen ich nichts ändern kann, die manchmal einfach zu viel sind. Alle reden immer so viel. Ich höre zu und höre zu und höre zu und weiß nicht mehr was von wem, wann wo erzählt wurde. Ich höre gerne zu. Aber ich rede auch gerne. Wenn man mir zuhört. Leider haben das viele Menschen verlernt. Also sage ich oft nichts, frage, höre zu. Dann ein Wortfluss strömt über mich hinweg, in dem wenige Ausgewählte schwimmen dürfen. Oberflächlich, nicht zu viel preisgeben, du willst dazugehören, nicht komisch wirken, cool sein, akzeptiert werden, wie kann ich wo bei wem sein? Lage checken, Menschen analysieren, einschätzen, easy going. Die meisten Menschen sind leicht zu durchschauen, Momentaufnahme, Klick, jeder bekommt einen Ordner, der Draufgänger, die Coole, der Verpeilte, die Schüchterne, die Verballerte, der Emphatische, der Kultivierte, der Gourmet, die Aufgedrehte, der Charmeur, die Aufmerksame, der Entspannte, die Kreative, die Organisatorin. Bei wem kann ich wo wie sein? Analyse, Einordnen, Rollenwechsel. Es ist anstrengend, seine Rollen ständig zu wechseln so schnell, so eingespielt, so unglaublich energiezehrend. Das Chamäleon, das sich immer wieder seiner Umgebung, den Menschen anpasst. Anpassung ja, aber schlüpfen wir nicht alle immer wieder in verschiedene Rollen? Wir sind so vieles, Frau, Mann, Sohn, Tochter, Onkel, Oma, Schwiegermutter, Vater, Schwester, Freund, Angestellter, Chef, Gast, Gastgeber…Wir sind nie nur eine Rolle, immer wieder setzen wir andere Masken auf, zeigen das, was wir zeigen wollen. Kontrolle, Selbstdarstellung. Viele Menschen zeigen also nur das, wovon sie denken, es sei angemessen, angemessen für die anderen , angemessen für ihre Rolle. Sind sie dabei aber authentisch? Und wie kann man bei all den gesellschaftlichen Normen überhaupt authentisch sein?
Mensch muss seinen Kerntypus herausfinden, seine Persönlichkeit erkennen, erkennen was ihn selbst ausmacht, ihn bewegt. Er soll Träumen und Leidenschaften nachgehen, eine Wertvorstellung entwickeln und den Mut haben, dieses authentische Ich in seinen verschiedenen Versionen auszuleben. Dann kann man, bei der Begegnung mit verschiedenen Menschen an unterschiedlichen Orten, Gemeinsamkeiten finden, ähnlicher Meinung sein oder auch diskutieren, lachen und feststellen, bei wem man sich wohl fühlt und bei wem nicht.
Ich ziehe also die Ordner wieder hervor, vermische sie und lege sie verdeckt, wie ein Memory auf den Tisch. Der Tisch und das Memory bleiben unverändert, ich rühre nichts an, füge nur hinzu, umso besser ich die Menschen kennenlerne. Nichts wird einsortiert, einfach dazugelegt, so wie es ist. Schubladen-Denken ist in jedem Menschen verankert. Das gehört zu unseren einzigartigen Überlebensmechanismen, denn Schubladen-Denken spart Energie. Die Energie, die das Gehirn bräuchte, um jeden Menschen in seiner Vielseitigkeit einschätzen zu können. Kategoriendenken ist da auf jeden Fall energiesparender. Evolutionstechnisch also nachvollziehbar und wertvoll, menschlich und kulturell betrachtet Barrieren schaffend. Ich hasse es einer Kategorie anzugehören. Ich hasse es, meinen Charakter zu beschreiben, meine Hobbys aufzählen zu müssen. Jedes Klischee erfüllt mich und gleichzeitig widerspreche ihnen. Also warum in eine Schublade packen, wenn es doch sowieso mit der Zeit nur zu Verwirrung führt. Jeder ist eben so wie er ist. Jeder bringt eine Geschichte mit. Jeder seine Gene. Jeder seine Seele. Also lets explore every colourful soul on this planet. It’s gonna be interesting and exciting.
Emmi Meli bringt diese Vielfalt (hier in Bezug auf Frauen) in ihrem Song „I AM WOMAN“ auf den Punkt:
“I`m Woman, I´m fearless, I´m sexy, I´m divine, I´m unbeatable, I´m creative, Honey you can get in line
I´m feminine, I`m masculine, I´m anything I want, I could teach you, I can love you, If you got it going on
I´m classy, I`m modern, I live by my own design, I´m cherry, I´m lemon, I´m the sweetest key lemon pie, I´m electric, I´m bass, I´m the beat of my own drum…”
Ja, wir sind so vieles, so vielfältig und doch treiben uns dieselben Dinge an, bewegen uns dieselben Songs, dieselben Filme, dieselben Orte, dieselben Emotionen, weil wir EINS sind. Wir sind nichts und wir sind alles. Wir lernen über uns und von uns und in uns. Wir müssen einfach nur genau hinschauen und beobachten, die Verbindungen sehen, und den Menschen tief in die Augen blicken. Dann sehen wir den Faden, der uns alle zusammenhält.