Neu in Hamburg. Andere Sprache, andere Menschen, andere Mentalität. So ist es nun mal in Deutschland. Diversität, Unterschiede, sodass man meinen könnte, man sei in einem anderen Land. Natürlich ist dies in den meisten Ländern der Fall, regionale Unterschiede finden sich zu Häufen. Internationalität, Regionalität, Generationen, politische Gruppierungen. Wo fängt Diskurs an und wo hört Rechthaberei auf? Ich habe das Gefühl überall auf Thesen und Antithesen zu stoßen, wobei ich erfolglos nach Mittelwegen suche. Eine Klientel ist für etwas, das andere dagegen. Meine Meinung stimmt. Ich habe die Wahrheit gefunden. So scheint die Jugend zu denken, aber auch die älteren Generationen. Die einen argumentieren mit Flexibilität und fortschrittlichem Denken, die anderen mit Lebenserfahrung. Alte Strukturen werden zwar kritisch betrachtet, jedoch kaum in abwägendem Kontext. Das ganze Patriachart und alles was vor 2010, wenn nicht sogar später stattgefunden hat, scheint falsch zu sein. Alles Neuartige, flexible, scheint richtig zu sein und andersherum. Falsch und richtig. Nach diesen Schemata wird die Welt eingeteilt. Die Welt ist heutzutage so komplex geworden. Freiheit sollte Priorität haben, ohne rassistische, generische oder finanzielle Einflüsse. Das wäre zwar utopisch, aber durchaus eventuell irgendwann zu erreichen, wenn die Menschen aufhören würden einander zu verurteilen, in Schubladen zu denken oder jeden Menschen, der anderer Meinung ist, zu ignorieren. Ich bin gegen Extreme und gegen Menschen, die im Glauben sind, eine Deutungshoheit zu haben. Diskurse sind wichtig, aber leider nur bedingt fortschrittlich, wenn den meisten Menschen, die Offenheit und die Toleranz zum Umdenken fehlt.
Hier hatte ich meine politische Phase. Die ZEIT abonniert, saß ich jeden Morgen mit meinem IPad auf der Fensterbank und versuchte die Nachrichten möglichst neutral zu inhalieren, mit der Vergangenheit und der Zukunft zu kombinieren, und irgendwelche schlauen Schlüsse aus dieser ganzen Dramatik zu ziehen. Letztlich saß ich dann doch wieder in der S3, sah mich der Obdachlosigkeit konfrontiert, deren Geruch mir stark in der Nase stach und der Arroganz und Ignoranz der Menschen, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind und Politik nur ganz nebenbei in ein Gespräch einfließen lassen, wenn überhaupt in der Bahn. Erstens redet man dort nicht, jeder ist mit seinem Handy beschäftigt und zweitens hat fast jeder Angst etwas zu kommentieren, da keiner neutral zu diesen Themen stehen kann und ein Streit oder eine hitzige Diskussion schon vorprogrammiert sind. Also lassen es alle bleiben, bleiben still und tippen einen Kommentar zu den neusten Tweeds in ihre Handys. Im Internet ist jeder laut, aber im realen Leben sind nur die Idioten laut, die ihre Unzufriedenheit in die Welt tragen müssen. Beobachtungen über Beobachtungen, aber selbst etwas tun würde ich ja auch nicht. Aber was soll man auch tun, wenn man jung ist, wenige Jahre langfristig aus der Dorfbubble raus ist, die Corona-Pandemie die ganze Weltlage auf den Kopf gestellt hat, Zukunftsentscheidungen anstehen und man eigentlich keine Ahnung hat, wo in dieser so wundervollen großen Welt sein Platz ist. Du hast schon viel erlebt, aber von vielen Realitäten noch keine Ahnung, geschweige denn von der wirtschaftlichen Ordnung, wobei dir jeder etwas anderes erzählt, Meinungsfreiheit großgeschrieben wird, auch Meinungsfreiheit, der jegliche Grundlage fehlt. Menschen aller Altersgruppen, aber vor allem junge Menschen, ihre Meinung propagieren, über ein Thema, von dem sie keine Ahnung haben. Weder reflektieren noch unterschiedliche Quellen heranziehen. Ähnlich aber auch die ältere Generation, die keine Veränderung zulassen will und die Dynamik der Welt ignoriert. All diese lauten Stimmen haben diese unglaubliche Spaltung in der Gesellschaft zu verantworten. Wenn ich nur eine Message hinterlassen könnte, ein Megafon hätte, das meine Nachricht auf der ganzen Welt in jeglicher Sprache übermitteln könnte, wäre folgende: Hört einander zu, seid tolerant und offen!
Leider ist die Gehirnstruktur des Menschen nicht unbedingt auf Toleranz ausgelegt. Jeder lebt in seiner eigenen Bubble, und rein auf Grund der natürlichen Konstitution des Menschen, hat er die Tendenz, sich alles möglichst leicht zu machen. Einerseits ist das die Grundlage für Fortschritt und Entwicklung, Effizienz, andererseits die Hürde, Lebensweisen, die nicht ihrer eigenen entsprechen zu akzeptieren. Die Vermischung der Kulturen ist also eine der größten Herausforderungen für die menschliche Spezies, aber vor allem eines der größten und wertvollsten Entwicklung der Menschheitsgeschichte. Erst durch das Reisen, durch Immigration und Migration, durch Entdeckerfahrten und das Integrieren neuer Traditionen in die eigene Kultur, entstand das Leben wie wir es heute kennen, bunt, vielfältig und interessant. Obwohl uns die Komplexität der derzeitigen Weltlage also vor viele Herausforderungen stellt, ist sie doch maßgeblich für die Entwicklung des Menschen, die Erfahrungen, die wir leben dürfen.